Freitag, 24. April 2015

Andere Religionen...

Ich entsinne mich einer Begegnung während eines Berufsschulblocks, welche mich zum Nachdenken anregte. Meine Berufsschule ist so weit von meinem Wohnort entfernt, dass der Unterricht in Blöcken stattfindet und man während dieser Zeit auf Wunsch in einem Internat untergebracht wird. Als anfangs meine Klasse das erste mal zusammen traf, schloss ich sofort Freundschaft mit einer mir sympathischen Blondine. Sie war wie ich im ganzen Gewusel etwas orientierungslos und sprach mich einfach an. Seitdem sind wir sehr gute Freundinnen geworden und immer, wenn wir zusammen Berufsschulunterricht haben, kommen wir in sehr interessante Gespräche, denn:




Sie ist Zeugin Jehovas.



Es ist, seit wir uns kennen lernten, eine gute Woche vergangen bis sie mir das offen legte und ich kann nur bekunden, dass sie die Liebe in Person ist. Sie ist nie neidisch, wenn ich eine bessere Zensur in einer Klausur bekomme, sondern freut sich tierisch mit mir. Sie bekommt sofort ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich über andere ärgert, weil die ihr quer gekommen sind. Sie besteht darauf, mir einen Kaffee auszugeben, wenn ich in der Pause mein Geld im Klassenraum vergessen habe und will es auf keinen Fall zurück haben.
Das Schönste aber ist, dass man sich mit ihr so ungezwungen über den eigenen Glauben austauschen kann. Wenn jemand sagt "Ich bin Zeuge Jehovas", schrecken viele einen großen Schritt zurück. Das liegt meist an der Vorstellung, beim Frühstück von den sog. Verkündigern gestört und mithilfe einer drängenden Art zu ihrer Versammlung (vergleichbar mit einer Messe oder einem Gottesdienst) eingeladen zu werden.
In unserer Kirchengemeinschaft wurde bis vor ein paar Jahren diese Art der Einladung auch noch praktiziert und kam verständlicherweise ebenfalls nur mäßig gelungen an. Vielleicht ist das auch mit ein Grund dafür, warum viele der Meinung waren, die Neuapostolische Kirche käme einer Sekte gleich. Man nannte das Missionsarbeit. Heutzutage verzichtet man darauf, weil es vielen unangenehm ist, mit fremden Leuten an der Haustür gezwungen über den (eigenen) neuapostolischen Glauben zu sprechen.


An meiner Freundin ist mir aufgefallen, wie anders die Zeugen Jehovas ihre Leute an sich binden. Bei ihnen bekommt jeder einen Namen und somit eine Aufgabe - meine Freundin zum Beispiel ist, wie alle anderen auch, Verkündigerin. Das bedeutet, dass man den Glauben über das Geschehen Jehovas als Zeuge verkündigen soll. Sie erzählte mir von einer Versammlung in größerem Rahmen und wie stolz sie darauf war ein Ordner-Schildchen zu tragen, weil man ihr die Aufgabe aufgetragen hatte, am Eingang den Besuchern den Weg zu weisen. (siehe auch Die Masche - Revolution)


Andererseits sind viele Zeugen Jehovas, die ich bis jetzt kenne lernen durfte, sehr eingeschränkt in ihrem Blickfeld. D.h. in einem Austausch von Glauben und Überzeugung beharren viele von ihnen darauf, was sie gelernt haben und rattern Tunnelblick-artig alles runter, was ihnen zum Thema in den Sinn kommt und begründen es mithilfe von fragwürdigen Bibelstellen. Hiermit möchte ich deutlich machen, dass ich keine Sympathie für die Zeugen Jehovas hege, doch meine Freundin hat mir gezeigt, dass nicht der Glaube oder die Religion die Menschen bilden, sondern der Umgang mit den Mitmenschen.


Ich bin davon überzeugt, dass wir alle an denselben Gott glauben, ob wir ihn nun Jehova, Allah oder Gott nennen. Wenn wir sterben werden wir uns alle im selben Licht wieder treffen - nur muss jeder im Laufe seines Lebens seine eigene Religion finden, mit der er am besten leben kann.



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