Mittwoch, 27. Mai 2015

Bestrafung und Belohnung

Vor ein paar Tagen las ich morgens beim Frühstück einen Zeitungsartikel, der mir ganz zufällig in die Hände fiel. Es ging um die drei sog. abrahamitischen Religionen - Juden, Muslime und Christen. Als Zusatz zu diesem Artikel gaben drei Kinder ein Statement zu ihrem Glauben ab, wie und woran sie glauben. Schon bevor ich anfing zu lesen war ich skeptisch, was die Authentizität der drei Kinder anging, denn als Kind spricht man gerne nur das nach, was die Erwachsenen für richtig halten und was man in der Sonntagsschule lernt. Der Artikel war gut zu lesen, doch natürlich hörten sich die drei Absätze sehr überarbeitet an.
 
Was mir bei jedem Statement auffiel, war, dass alle vom Prinzip der Bestrafung und Belohnung erzählten. Wenn man ganz viel Gutes tut in seinem Leben kommt man in das Paradies. Andersrum, wenn man mordet oder anderweitig sündigt kommt man in die Hölle, bzw. erstmal vor das jüngste Gericht. Dort werden die Sünden mit den guten Taten auf einer Waage verglichen.
Dieses Denken ist in uns Menschen derart verankert, dass wir manchmal sogar unbewusst danach handeln. Werden wir beispielsweise krank, fragen wir uns womit wir das verdient haben. Ist es nicht grober Unsinn nach dem Prinzip Bestrafung/ Belohnung zu leben? Nicht nur, dass wir uns selber das Leben schwer machen, nein, wir wenden dieses Prinzip auch bei anderen an.
 
Niemand weiß genau, was nach dem Tod kommt, bzw. wo die Seele hingeht. Wir sehen nur, dass die gestorbenen Körper zu Asche werden. Und die, die das Licht schon gesehen haben, beschreiben es ganz anders als es in der Bibel beschrieben wird.
 
Sie sagen, es ist ein unglaublich warmes Licht, was einen umhüllt und man fühlt sich wohl. Nichts also mit Himmel und Hölle, jüngstem Gericht und Sündenwaage. Keiner weiß, was kommt.
Wozu also vom Altar herab Angst und Schrecken verbreiten, wo man doch viel mehr Grund hat, so zu leben, dass man später auf einen erfüllten und optimistischen Lebenslauf zurückblicken kann?

Freitag, 24. April 2015

Andere Religionen...

Ich entsinne mich einer Begegnung während eines Berufsschulblocks, welche mich zum Nachdenken anregte. Meine Berufsschule ist so weit von meinem Wohnort entfernt, dass der Unterricht in Blöcken stattfindet und man während dieser Zeit auf Wunsch in einem Internat untergebracht wird. Als anfangs meine Klasse das erste mal zusammen traf, schloss ich sofort Freundschaft mit einer mir sympathischen Blondine. Sie war wie ich im ganzen Gewusel etwas orientierungslos und sprach mich einfach an. Seitdem sind wir sehr gute Freundinnen geworden und immer, wenn wir zusammen Berufsschulunterricht haben, kommen wir in sehr interessante Gespräche, denn:




Sie ist Zeugin Jehovas.



Es ist, seit wir uns kennen lernten, eine gute Woche vergangen bis sie mir das offen legte und ich kann nur bekunden, dass sie die Liebe in Person ist. Sie ist nie neidisch, wenn ich eine bessere Zensur in einer Klausur bekomme, sondern freut sich tierisch mit mir. Sie bekommt sofort ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich über andere ärgert, weil die ihr quer gekommen sind. Sie besteht darauf, mir einen Kaffee auszugeben, wenn ich in der Pause mein Geld im Klassenraum vergessen habe und will es auf keinen Fall zurück haben.
Das Schönste aber ist, dass man sich mit ihr so ungezwungen über den eigenen Glauben austauschen kann. Wenn jemand sagt "Ich bin Zeuge Jehovas", schrecken viele einen großen Schritt zurück. Das liegt meist an der Vorstellung, beim Frühstück von den sog. Verkündigern gestört und mithilfe einer drängenden Art zu ihrer Versammlung (vergleichbar mit einer Messe oder einem Gottesdienst) eingeladen zu werden.
In unserer Kirchengemeinschaft wurde bis vor ein paar Jahren diese Art der Einladung auch noch praktiziert und kam verständlicherweise ebenfalls nur mäßig gelungen an. Vielleicht ist das auch mit ein Grund dafür, warum viele der Meinung waren, die Neuapostolische Kirche käme einer Sekte gleich. Man nannte das Missionsarbeit. Heutzutage verzichtet man darauf, weil es vielen unangenehm ist, mit fremden Leuten an der Haustür gezwungen über den (eigenen) neuapostolischen Glauben zu sprechen.


An meiner Freundin ist mir aufgefallen, wie anders die Zeugen Jehovas ihre Leute an sich binden. Bei ihnen bekommt jeder einen Namen und somit eine Aufgabe - meine Freundin zum Beispiel ist, wie alle anderen auch, Verkündigerin. Das bedeutet, dass man den Glauben über das Geschehen Jehovas als Zeuge verkündigen soll. Sie erzählte mir von einer Versammlung in größerem Rahmen und wie stolz sie darauf war ein Ordner-Schildchen zu tragen, weil man ihr die Aufgabe aufgetragen hatte, am Eingang den Besuchern den Weg zu weisen. (siehe auch Die Masche - Revolution)


Andererseits sind viele Zeugen Jehovas, die ich bis jetzt kenne lernen durfte, sehr eingeschränkt in ihrem Blickfeld. D.h. in einem Austausch von Glauben und Überzeugung beharren viele von ihnen darauf, was sie gelernt haben und rattern Tunnelblick-artig alles runter, was ihnen zum Thema in den Sinn kommt und begründen es mithilfe von fragwürdigen Bibelstellen. Hiermit möchte ich deutlich machen, dass ich keine Sympathie für die Zeugen Jehovas hege, doch meine Freundin hat mir gezeigt, dass nicht der Glaube oder die Religion die Menschen bilden, sondern der Umgang mit den Mitmenschen.


Ich bin davon überzeugt, dass wir alle an denselben Gott glauben, ob wir ihn nun Jehova, Allah oder Gott nennen. Wenn wir sterben werden wir uns alle im selben Licht wieder treffen - nur muss jeder im Laufe seines Lebens seine eigene Religion finden, mit der er am besten leben kann.



Mittwoch, 4. März 2015

Die Masche

In der letzten Jugendstunde ist mir klar geworden, was ein weiterer Grund dafür sein könnte, warum sich heutzutage immer weniger Jugendliche für die Kirche interessieren. Ich hatte eine hitzige Diskussion mit meinem Jugendleiter, es ging im Allgemeinen um den Umfang des neuapostolischen Glaubens. Er war so überzeugt davon, wie ein neuapostolischer Christ zu glauben hat, dass er auf meine für ihn wahrscheinlich erschreckenden Ansichten schließlich sinngemäß antwortete: Wenn jemand das so nicht glaubt, dann soll er halt aus der Kirche austreten und in einer anderen Gemeinschaft selig werden. Aber ständig rumnörgeln fände er nervig und schädlich für den Glauben der anderen.

Nachdem ich diesen starken Schlagabtausch - der nachher immer persönlicher wurde - verdaut hatte, wurde mir klar, was ich da gerade erlebt hatte. Den Grund, warum sich heutzutage immer weniger Jugendliche für die Kirche interessieren. Wenn man zeitlich in die Kindheit unserer Eltern springt, also den mittleren Teil des Mittelalters (ca. 45-60 Jahre), dann sieht man in kirchlicher Hinsicht eine ganz andere Erziehung. Die Kinder wurden viel stärker auf den neuapostolischen Glauben gedrillt  und die Jugendlichen hatten so viele Treffen und Veranstaltungen in der Woche, dass gar keine andere Freizeitgestaltung möglich war. Und wenn sich mal ein Jugendlicher nicht ganz mit dem vorgezeigten Pfad identifizieren konnte, bekam er meist vorwurfsvolle Kommentare zu hören, sodass er entweder mehr versucht hat, es den anderen recht zu machen, oder gleich weg geblieben ist.
Genau diese Generation stellt heute den aktiven Teil der Gemeinden.

Wenn man heute die Erziehungsmethoden der jungen Eltern ansieht, kommt es verrucht vor, wenn der Papst sagt, ein Klaps gehöre zur Kindheit dazu. Dass eine riesige und vor allem rasante Entwicklung in der Kinderziehung dazu geführt hat, dass die Generationsunterschiede in Sachen Glaube und Kirche größer sind als damals, macht sich dann in ähnlichen Auseinandersetzungen wie o. g. bemerkbar. Die Jugendleiter sind meist aus dem jungen Mittelalter (ca. 35-45 Jahre), welches teilweise noch stark geprägt ist vom altertümlichen Glauben. Während die Jugendlichen, mit denen sie sich beschäftigen sollen, eine ganz andere Erziehung genossen haben. Natürlich sind sie alle christlich erzogen worden, aber auch zum selbstständigen Denken und fortschrittlichen Handeln. Wenn jetzt ein Jugendlicher im Alter von 19 Jahren im Gottesdienst sitzt und der Dienstleiter in seiner Predigt viel mehr auf die Senioren eingeht, ist es nur logisch, dass der Jugendliche die Predigt als altmodisch und vollkommen stehen geblieben empfinden könnte.

Die damalige kirchliche Erziehung möchte ich gerne als Masche bezeichnen, die damals auch noch sehr gut funktioniert hat. Heute hat sich zwar an diesem System schon vieles geändert, bspw. haben wir aktuell einen Stammapostel, der sehr direkt seinen in manchen Dingen schon fortschrittlich gerichteten Glauben preis gibt. Trotzdem gibt es noch viele Dinge, die rückwärtsgewandt sind und auch so ausgedrückt werden - z.B. Glaube in Christus. Jugendlichen kommt diese Sprache altmodisch und dadurch im nächsten Moment ein Stück weit albern vor. Der Umkehrschluss ist: Man steckt seinen Glauben in andere Dinge - Sport, Musik, Karriere.

Erschreckt hat mich vor allem, dass so wenig um die jungen Jugendlichen gekämpft wird. Statt dessen wird gesagt, sie sollen sehen, wo sie glücklich werden. Ist das die Art für seinen Glauben zu werben? Am wichtigsten ist doch auch hier wieder: Es ist egal, ob man regelmäßig zur Kirche geht - solange man im Sinne der Nächstenliebe handelt, kann der "heilige Geist" überall wirken!

Mittwoch, 18. Februar 2015

Ins Christ sein hineingeboren

Jeder Mensch wird in sein Leben hinein geboren, ob als Europäer oder Afrikaner, Mann oder Frau, ob in eine einsame oder von Menschen stark bevölkerte Gegend. Keiner kann sich die Nase aussuchen, die er bekommt und erst recht nicht die Familie in der er aufwächst. Irgendwann kommt man in ein Alter, in dem man alles und jeden in Frage stellt. Wer bin ich? Wo komme ich her? Woran glaube ich? Und will ich etwas ändern?

Auf den christlichen Glauben bezogen kommt man ebenfalls an einen Punkt, an dem man seinen Glauben neu definieren will und muss. Viele Jugendliche entscheiden sich nach sorgfältiger Abwägung gegen die Kirche als Institution, das bedeutet aber keinesfalls, dass sie nicht trotzdem in Verbindung mit Gott stehen. Man könnte sogar vielerorts den Eindruck gewinnen, dass die Leute, die sich gegen die Kirche und die damit verbundenen Aktionen entscheiden, viel mehr mit Gott im Einklang leben als manch selbsternannter Super-Christ. Es ist nur gesund seine Lebensform ständig zu hinterfragen, denn nur so kann man sie optimieren. Natürlich leben Menschen, die alles für bare Münze nehmen und so leben, wie es ihnen vom Altar aus vorgetragen wird, ebenfalls gesund. Vielleicht sogar einfacher, weil sie nicht ständig Auseinandersetzungen durchleben. Doch es fehlt ihnen das fortschrittliche Wachsen mit der Gesellschaft, was größtenteils nur durch das ständige Erweitern der eigenen Meinung erreicht wird.

Wo komme ich her?
Jeder weiß über sich selbst am besten Bescheid: Als ich geboren wurde, haben meine Eltern für mich entschieden, die christliche Verantwortung für mich zu übernehmen - ich wurde getauft und versiegelt. Als Kleinkind ging ich zur Vorsonntags- und später zur Sonntagsschule, danach besuchte ich den Religionsunterricht und später den Konfirmandenunterricht. Mit der Konfirmation geben die Eltern die Verantwortung für das Wachsen im christlichen Glauben des Kindes ab und man selber kann entscheiden, ob man vor Gott ein Treue-Gelübde ablegen möchte oder sich gänzlich von ihm abwendet. Nun kommt die bittere Wahrheit, ganze 3/4-tel der Jugendlichen wenden sich mit der Konfirmation von der Kirche ab. Ich selbst spiele schon lange mit dem Gedanken mich aus dem Kirchenbuch streichen zu lassen, meine Eltern sind darüber logischerweise sehr enttäuscht. Sie haben mich ja mein ganzes Leben lang christlich erzogen in der Hoffnung, dass diese Tradition in mir verankert ist und mich durch mein Leben begleitet. Trotzdem beißt sich dieser Gedanke fest und man wägt jeden Sonntagmorgen neu ab, was einen noch zum Gottesdienst treibt.

Festzuhalten ist jedoch, dass man immer ein Kind Gottes bleiben wird, ob man nun die Kirche besucht oder nicht. Ich könnte mich nach meinem Austritt immer noch mit meinen Eltern über den vergangenen Gottesdienst und seine Inhalte unterhalten. Ich wäre auf dem Papier zwar nur noch Besucher der neuapostolischen Kirche und kein Mitglied mehr, doch aus einer Familie kann man sich nicht austragen lassen.
Man gehört immer dazu.

Montag, 16. Februar 2015

Die Wiederkunft des Herrn

Wenn wir die Bibel ganz hinten aufschlagen und in der Offenbarung lesen, erinnern wir uns an die grundsätzliche Hoffnung des neuapostolischen Glaubens: Wenn die letzte Seele gefunden ist, kommt der Herr Jesus wieder auf die Erde und holt seine Braut (also die vollständige Gemeinde) ins tausendjährige Friedensreich.
Letzten Sonntag durfte ich einen Gottesdienst erleben, während dem es bildlich gesprochen lieblich rieselnde Floskeln regnete. Besagter Dienstleiter war zu Gast in unserer Gemeinde aufgrund des Ämteraustausches. Das Wort zum Gottesdienst bildete sich aus der Geschichte, in der die Jünger alleine auf dem See Genezareth fischen waren und ein riesiger Sturm aufkam. Die Jünger haben Todesangst als schließlich Jesus über das Wasser zu ihnen kommt und Petrus ihm entgegen geht.

Vorweg möchte ich ganz deutlich sagen, dass ich jeden bewundere, der vorne frei zu einer ganzen großen Gemeinde sprechen kann und auch vollstes Verständnis dafür habe, wenn man aus Aufregung etwas sagt, was man später womöglich revidieren würde!
Jedenfalls biss sich besagter Dienstleiter derart an o. g. Bibelwort fest, dass ich innerlich immer mehr zu brodeln anfing und schließlich, um frische Luft zu schnappen, das Kirchenschiff verließ. Normalerweise gibt es in unserer Gemeinde Leute, die in solchen Fällen parallel zum Gottesdienst in einem anderen Raum eine Gesprächsrunde eröffnen, bspw. um Konfirmanden das Bibelwort näher zu erläutern oder mit Jugendlichen über die Predigt zu diskutieren. Leider war gerade an diesem unglückseligen Tag keiner da mit dem man sich darüber hätte unterhalten können und darum setzte ich mich nach einer Weile mit einem neuen Funken Hoffnung wieder in den Gottesdienst und versuchte, wenigstens zwischen den Zeilen, irgendwas zu finden, das für mich greifbar wäre.

Das war das eine. Was mich aber viel mehr störte - und das kommt in unseren Breitengraden häufig vor - war die Definition, bzw. Interpretation über die Wiederkunft des Herrn. Viele sind heutzutage der Meinung, dass dies folgendermaßen aussieht:

„Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.“ (1. Thessalonicher 4, 16-17)

Dass die Bibel aber damals hauptsächlich ein Mittel zur Moralschaffung war und alles, was in ihr niedergeschrieben ist, bildliche Darstellungen sind, vergessen die meisten.

Die Wiederkunft von Gott auf diese Erde wird vollkommen falsch gesehen! Es wird niemand vom Himmel auf die Erde herab geschwebt kommen und alle in einem Lichtstrahl zu sich heraufziehen.
Mit der Wiederkunft Gottes ist etwas ganz anderes gemeint: Eine Art Erleuchtung, die uns widerfahren kann, wenn wir alles daran setzen friedlich und im Sinne der Nächstenliebe zu leben. Diese Erleuchtung kann in vielen Dingen geschehen, z. B. während eines Gesprächs in dem sich eine völlig neue Richtung eröffnet. Wenn es im Kopf kribbelt und man merkt, dass sich wieder eine neue Synapse gebildet hat und der Gedankenstrom weiterkommt. Oder auch in der Musik, wenn man gemeinsam immer mehr erreicht und seine Grenzen und somit auch Ziele neu stecken kann - egal ob man in einer Band spielt oder einem Orchester.

Kurz gesagt, man erreicht Erleuchtung durch Erfüllung, die man sich in allen Bereichen erarbeiten kann - sei es Sport, Philosophie, Musik, Handwerk, oder ähnliches. Im Gottesdienst versucht man eben aus dem Wort den Saft zu ziehen, der einen erleuchtet und dadurch im Leben weiter bringt. Wobei man stets beachten sollte, dass ein Vortrag nur durch die Gespräche und das Feedback danach in einem lebendig bleibt.

Montag, 9. Februar 2015

5 Dinge, die man von Jugendlichen lernen kann

In meinem Post 6 Ideen, die Kirche umzugestalten habe ich ein paar Illusionen dargestellt, mit denen man die Kirche jugendfreundlicher bzw. auch jugendtauglicher gestalten könnte. Heute ist mir ein neuer Einfall gekommen: Um die derzeitigen Jugendlichen in der Kirche zu halten und evtl. sogar zurück zu gewinnen, muss ein Austausch an Traditionen und vor allem Denkweisen erfolgen!
Im Folgenden möchte ich erstmals ein paar Dinge nennen, die im Herzen jung gebliebene (mittelalte und ältere) Gemeindemitglieder von Jugendlichen lernen können.

1  Kenn dein Limit!
Als aktiver Christ möchte man bestimmte Aktionen gerne wahrnehmen - bspw. Orchester(-Proben), Chor(-Wochenenden), Planungsgruppen, Ämterstunden, Jugendstunden, usw. Es gibt viele Christen, die - oh gewundert - nebenbei noch arbeiten, Kinder haben, ein Haus oder eine Existenz aufbauen. Jugendliche kennen ihr Limit, und das hat nicht immer was mit Power zu tun. Wenn jemand nach einem 9-Stunden-Tag Handwerkerarbeit nach Hause kommt und sich dann noch den Stress macht zur Gesangstunde zu müssen, bei dem bleibt auch irgendwann die Lust an der Sache auf der Strecke.

2  In Frage stellen
Vielen kommt es zynisch oder gar sündhaft vor, das gepredigte Wort zu hinterfragen. Natürlich kann man immer etwas aus der Predigt picken, das sich für die eigene Person positiv interpretieren lässt. Doch statt immer nur Ja und Amen zum gesprochenen Wort zu sagen, sollte man sich mit der Predigt auseinander setzen, denn es ist immer noch ein Mensch, durch den Gott versucht zu wirken. Wer weiß schon, ob es gerade wirklich Gott gewirktes Wort ist, oder ein Stock-konservativer Vortrag?

3  Konstruktive Kritik annehmen
Auch in einer Wohlfühl-Gemeinde gibt es mal Stress. Gerade dann ist es wichtig, der kritisierenden Person zuzuhören und nicht gleich in den Kriegsmodus zu verfallen. Sollte sie in Beschimpfungen umschlagen, kann man immer noch locker bleiben und einfach sagen, wie es ist: "Wenn du schimpfen möchtest, geh' woanders hin."

4  Leger aufgehübscht
Ich als Frau kann getrost sagen, dass ich den Sonntagmorgen auch gerne für eine Schmink-Session und ausgedehnte Kleiderauswahl nutze. Bei diesem Thema scheiden sich allerdings die Geister, denn es gibt viele Jugendliche, die auch am Sonntagmorgen schnell zu bequemer Jeans, Hemd und Sneakers greifen und leger gekleidet zum Gottesdienst erscheinen. Unter Jugendlichen ist die Sonntagskleidung erstmal zweitrangig, in erster Linie freut man sich über die Freunde, die da sind.

5  Smartphones
Oft werden wir schief angeguckt, wenn wir kurz vor Gottesdienstbeginn nochmal schnell ins Handy schauen, denn in älteren Kreisen gilt das allgemein als unhöflich, bzw. sogar verpönt. Meistens möchte man nur noch mal schnell die Stumm-Taste drücken um peinliche Anrufe mitten im Gottesdienst zu vermeiden. Wenn ein Jugendlicher doch mal etwas länger aufs Handy guckt, sollte man ihn nicht verurteilen, denn ohne ihn zu fragen, weiß keiner, wie zwischenmenschlich wichtig die letzte Whats-App-Nachricht gerade war.

Mittwoch, 4. Februar 2015

Stolz und Vorurteil

Neulich fuhr ich im Linienbus Richtung Innenstadt und im Vierer neben mir saßen zwei äußerst alternativ geprägte Leute - ein Mittzwanziger Mann und ein sehr jung aussehendes Mädchen. Dass sie Alternativos waren, konnte ich aus ihrer Kleidung entnehmen: schwarze Lederjacken, Camouflage-Hosen, Springerstiefel, das Mädchen hatte lila-farbene Haare und einen Sidecut, der Mann eine schwarze Kapuze auf. Beide hatten Sporttaschen und Rucksäcke dabei, das Mädchen eine Kokosnuss in der Hand.
 
Die gesamte Fahrt über versuchte ich - anfangs krampfhaft - meine Sitznachbarn nicht in eine Schublade zu stecken. Ich überlegte, wo sie wohl hinfuhren, was sie den Abend noch vorhatten und vor allem, ob sie sich über mich ähnliche Gedanken machten. Plötzlich bekam die Kokosnuss in ihrer Hand eine ganz neue Bedeutung, denn daraus kletterte eine kleine weiße Ratte mit rot funkelnden Augen. Mein Gesicht verzog sich zu einer ungläubigen Grimasse und gleichzeitig erinnerte ich mich abermals an meinen Vorsatz.
 
Dies sollte mir schon bald leichter fallen, denn kurz darauf ereignete sich folgende Situation: Als der Busfahrer vor einer gelben Ampel stärker bremsen musste, fiel vorne etwas laut scheppernd zu Boden. Von meinem Platz aus konnte ich nicht orten, was es war und wo das Teil hingefallen war. Der Mann sagte zu seiner Freundin, welche am Gang saß: "Da ist beim Busfahrer was runter gefallen.". Sie stand auf, ging nach vorne und gab dem Busfahrer freundlich zurück, was er nicht aufheben konnte. Sofort war alles Negative, was ich vorher aus Mangel an Wissen über die beiden unterdrücken wollte, wie weggefegt.
 
 
Wenn ich ehrlich bin, stehe ich kritisch zur Bibel. Ich weigere mich zu glauben, dass alle Ereignisse, die dort beschrieben sind, exakt so passiert sind. Man sollte wissen, dass sich die Bibel aus verschiedenen Schriften und größtenteils mündlichen Überlieferungen zusammensetzt. Vor allem aber aus den Meinungen, bzw. Überzeugungen der Verfasser. Es ist wissenschaftlich belegt, dass es einen Mose oder Abraham gar nicht gegeben hat - sie sind nur Geschichten, bzw. Gleichnisse, die man sich erzählt hat, um eine gewisse Grundmoral unter den Menschen zu schaffen. Schließlich wurden all diese Geschichten zu Papier gebracht und fein säuberlich zu einem Buch zusammengefasst. Brauchen wir eine Bibel um uns tagtäglich klar zu machen, dass wir anderen mit (Nächsten-)Liebe begegnen und sie nicht vorschnell verurteilen sollten? Es sind doch die alltäglichen Situationen, die uns prüfen und im positiven gegenseitigen Miteinander üben.
 
 
Man könnte die o. g. Situation also auch als ein Gleichnis nehmen. In diesem Fall wäre die Moral aus der Geschicht': Wir sollten versuchen, Menschen niemals nur auf Basis ihres Aussehens zu beurteilen. Bevor wir uns erlauben, unser Gegenüber in eine Schublade zu stecken, müssen wir ihn kennen lernen. Und selbst dann sollte es nur eine Schublade zur Auswahl geben, in die wir unser Gegenüber, auf welches wir uns gerade fokussieren, hinein stecken könnten.