Neulich fuhr ich im Linienbus Richtung Innenstadt und im Vierer neben mir saßen zwei äußerst alternativ geprägte Leute - ein Mittzwanziger Mann und ein sehr jung aussehendes Mädchen. Dass sie Alternativos waren, konnte ich aus ihrer Kleidung entnehmen: schwarze Lederjacken, Camouflage-Hosen, Springerstiefel, das Mädchen hatte lila-farbene Haare und einen Sidecut, der Mann eine schwarze Kapuze auf. Beide hatten Sporttaschen und Rucksäcke dabei, das Mädchen eine Kokosnuss in der Hand.
Die gesamte Fahrt über versuchte ich - anfangs krampfhaft - meine Sitznachbarn nicht in eine Schublade zu stecken. Ich überlegte, wo sie wohl hinfuhren, was sie den Abend noch vorhatten und vor allem, ob sie sich über mich ähnliche Gedanken machten. Plötzlich bekam die Kokosnuss in ihrer Hand eine ganz neue Bedeutung, denn daraus kletterte eine kleine weiße Ratte mit rot funkelnden Augen. Mein Gesicht verzog sich zu einer ungläubigen Grimasse und gleichzeitig erinnerte ich mich abermals an meinen Vorsatz.
Dies sollte mir schon bald leichter fallen, denn kurz darauf ereignete sich folgende Situation: Als der Busfahrer vor einer gelben Ampel stärker bremsen musste, fiel vorne etwas laut scheppernd zu Boden. Von meinem Platz aus konnte ich nicht orten, was es war und wo das Teil hingefallen war. Der Mann sagte zu seiner Freundin, welche am Gang saß: "Da ist beim Busfahrer was runter gefallen.". Sie stand auf, ging nach vorne und gab dem Busfahrer freundlich zurück, was er nicht aufheben konnte. Sofort war alles Negative, was ich vorher aus Mangel an Wissen über die beiden unterdrücken wollte, wie weggefegt.
Wenn ich ehrlich bin, stehe ich kritisch zur Bibel. Ich weigere mich zu glauben, dass alle Ereignisse, die dort beschrieben sind, exakt so passiert sind. Man sollte wissen, dass sich die Bibel aus verschiedenen Schriften und größtenteils mündlichen Überlieferungen zusammensetzt. Vor allem aber aus den Meinungen, bzw. Überzeugungen der Verfasser. Es ist wissenschaftlich belegt, dass es einen Mose oder Abraham gar nicht gegeben hat - sie sind nur Geschichten, bzw. Gleichnisse, die man sich erzählt hat, um eine gewisse Grundmoral unter den Menschen zu schaffen. Schließlich wurden all diese Geschichten zu Papier gebracht und fein säuberlich zu einem Buch zusammengefasst. Brauchen wir eine Bibel um uns tagtäglich klar zu machen, dass wir anderen mit (Nächsten-)Liebe begegnen und sie nicht vorschnell verurteilen sollten? Es sind doch die alltäglichen Situationen, die uns prüfen und im positiven gegenseitigen Miteinander üben.
Man könnte die o. g. Situation also auch als ein Gleichnis nehmen. In diesem Fall wäre die Moral aus der Geschicht': Wir sollten versuchen, Menschen niemals nur auf Basis ihres Aussehens zu beurteilen. Bevor wir uns erlauben, unser Gegenüber in eine Schublade zu stecken, müssen wir ihn kennen lernen. Und selbst dann sollte es nur eine Schublade zur Auswahl geben, in die wir unser Gegenüber, auf welches wir uns gerade fokussieren, hinein stecken könnten.
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